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Argumentationshilfen

Kaum jemand verbreitet bewusst oder absichtlich Vorurteile. Oft entstehen Vorurteile weil falschen Informationen vertraut und diese unhinterfragt weitergegeben werden. Einfache Antworten erklären nur scheinbar die Dinge, sind aber in einer komplexen Welt kaum ausreichend, um die umfangreichen Zusammenhänge zu erfassen.

Der Würzburger Flüchtlingsrat möchte stereotypischen Aussagen, wie sie immer wieder reproduziert werden und sich so hartnäckig in den Diskussionen festsetzen, mit Fakten begegnen und Sie dazu einladen nachzufragen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Asyl - Zahlen und Fakten zum Jahr 2017

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat am 31. Mai 2018 eine aktualisierte Fassung von Fakten zur Asylpolitik veröffentlicht. Der gesamte Bericht des Sachverständigenrats kann hier abgerufen werden: https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2018/05/SVR_Fakten_zur_Asylpolitik.pdf

Für Deutschland hält der Bericht fest, dass im Jahr 2017 186.644 Asylsuchende registriert wurden und insgesamt 222.683 Personen einen Asylantrag gestellt haben. Damit ging die Zahl der Asylanträge im Vergleich zu 2016 um 70 Prozent zurück. Von den Antragstellern sind drei von fünf Personen männlich (60,5 %) und drei Viertel der Asylbewerber*innen sind unter 30 Jahre alt (75,2 %). Im Jahr 2016 stellten in Deutschland 35.939 unbegleitete Minderjährige einen Asylantrag.

Die Gesamtschutzquote, also die Summe aller Anerkennungen, lag 2017 bei 43,4 %. 38,5 % der Asylanträge wurden abgelehnt. Bei 18,1 % haben sich die Anträge u.a. wegen Antragsrücknahme oder Nichtzuständigkeit (Dublin-VO) erledigt. Ohne diese Fälle liegt die bereinigte Schutzquote bei 53 %.

Zu den stärksten Herkunftsländern 2017 gehörten Syrien (Schutzquote 91,5 %), Irak (56,1 %), Afghanistan (44,3 %), Eritrea (82,9 %), Iran (49,9 %), Somalia (60,8 %) und die Türkei mit einer 28,1 prozentigen Schutzquote.

Im sog. Dublin-Verfahren hat Deutschland 64.267 Übernahmeersuche gestellt. In 46.873 Fällen stimmten die zuständigen Staaten dem Übernahmeersuchen zu. Jedoch kam es nur in 7.102 Personen zu einer Überstellung, was etwa 15 % entspricht. Demgegenüber hat Deutschland 8.457 Personen von anderen Staaten übernommen.

2017 betrug die durchschnittliche behördliche Entscheidungsdauer 10,7 Monate.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Nach nur wenigen Tagen im neuen Amt tritt Innenminister Seehofer eine Debatte los, die mit verblüffend ähnlichem Verlauf in ungleichmäßigen Abständen von Politikern und Politikerinnen immer wieder aufs Neue zur Stimmungsmache herangezogen wird: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Deutschland sei durch das Christentum geprägt, dazu gehörten der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Er ergänzt: „Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.“

Nun meldeten sich bereits vielfach Stimmen, die diese Aussage Seehofers - im Gegensatz zu diesem wissenschaftlich begründet - widerlegen.

Als Würzburger Flüchtlingsrat setzen wir uns für die Belange Geflüchteter ein, dort wo wir glauben, systematische Mängel zu erkennen. Wir vom Würzburger Flüchtlingsrat glauben, dass Parolen wie die des Bundesinnenministers nicht zu einer differenzierten und informierten Debatte beitragen und im Gegenteil an einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen vorbei gehen. Deshalb möchten wir gerne im Folgenden einen kurzen Überblick geben, wie sich der Einfluss des islamischen Kulturraums auf Europa aus wissenschaftlicher Sicht darstellt. Wir hoffen durch Informationen einer allzu oft unfundierten und auf Angst und Abwehr gebauten Diskussion etwas entgegensetzen zu können: Der Islam gehört bereits seit langem zu Deutschland und Europa, er hat deren kulturellem Fortbestehen historisch und gegenwärtig nicht zu Schaden gereicht, sondern wichtige Impulse gegeben.

Der Philosoph, Politologe und Leibniz-Preisträger Professor Doktor Dag Nikolaus Hasse, der an der Universität Würzburg forscht und lehrt, betont in einem Interview: „Wie soll man auf die Behauptung, dass der arabische Einfluss in Europa unbedeutend gewesen sei, antworten? […] Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Antwort nur von der Wissenschaft gegeben werden kann. Denn die Antwort ist nicht beliebig und auch nicht abhängig von politischer Einstellung, sie hängt von den Ergebnissen historischer Forschung ab.“ An die Beantwortung eben dieser wissenschaftlichen Frage knüpft die Forschungsarbeit Hasses und er kommt zu dem Schluss: „Man darf den arabischen Einfluss in Europa nicht übertreiben und nicht kleinreden. Ohne den arabischen Einfluss wäre Europa heutzutage nicht das, was es ist.“ Einen spannenden Einblick in die Forschungsarbeit Hasses erhält man in folgendem Deutschlandfunk Beitrag:

http://www.deutschlandfunk.de/seehofer-aeusserungen-mittelalterhistoriker-islam-hat.1939.de.html?drn%3Anews_id=861920

Der Soziologe Armin Nassehi geht im Interview mit dem 3Sat neben der Islam-Debatte auch auf den Heimatbegriff ein. Dabei plädiert er für Thesen mit echtem Informationsgehalt und in Bezug auf den Islam für Debatten, die sich um die Frage drehen, welche Form des Islam es ist, der zu Deutschland gehört und gehören kann:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=72357

Michael Borgolte, Historiker mit Forschungsschwerpunkt Mittelalter, verweist in einem Interview aus dem Jahr 2015 darauf, dass ein von Reinheitsdenken geprägter Kulturbegriff nicht haltbar ist: „Kultur ist ein ständiger Änderungsprozess, Stillstand gibt es nicht, Sesshaftigkeit ist weltgeschichtlich betrachtet ein Ausnahmephänomen.“

http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/michael-borgolte-muslimisches-zuckerfest-als-gesetzlicher-feiertag-aid-1.5655556

In Bezug auf die aktuelle Debatte betont der Historiker erneut den grundlegenden Beitrag des Islam zu „unserer“ gegenwärtigen Kultur.