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Argumentationshilfen

Kaum jemand verbreitet bewusst oder absichtlich Vorurteile. Oft entstehen Vorurteile weil falschen Informationen vertraut und diese unhinterfragt weitergegeben werden. Einfache Antworten erklären nur scheinbar die Dinge, sind aber in einer komplexen Welt kaum ausreichend, um die umfangreichen Zusammenhänge zu erfassen.

Der Würzburger Flüchtlingsrat möchte stereotypischen Aussagen, wie sie immer wieder reproduziert werden und sich so hartnäckig in den Diskussionen festsetzen, mit Fakten begegnen und Sie dazu einladen nachzufragen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Nach nur wenigen Tagen im neuen Amt tritt Innenminister Seehofer eine Debatte los, die mit verblüffend ähnlichem Verlauf in ungleichmäßigen Abständen von Politikern und Politikerinnen immer wieder aufs Neue zur Stimmungsmache herangezogen wird: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Deutschland sei durch das Christentum geprägt, dazu gehörten der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Er ergänzt: „Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.“

Nun meldeten sich bereits vielfach Stimmen, die diese Aussage Seehofers - im Gegensatz zu diesem wissenschaftlich begründet - widerlegen.

Als Würzburger Flüchtlingsrat setzen wir uns für die Belange Geflüchteter ein, dort wo wir glauben, systematische Mängel zu erkennen. Wir vom Würzburger Flüchtlingsrat glauben, dass Parolen wie die des Bundesinnenministers nicht zu einer differenzierten und informierten Debatte beitragen und im Gegenteil an einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen vorbei gehen. Deshalb möchten wir gerne im Folgenden einen kurzen Überblick geben, wie sich der Einfluss des islamischen Kulturraums auf Europa aus wissenschaftlicher Sicht darstellt. Wir hoffen durch Informationen einer allzu oft unfundierten und auf Angst und Abwehr gebauten Diskussion etwas entgegensetzen zu können: Der Islam gehört bereits seit langem zu Deutschland und Europa, er hat deren kulturellem Fortbestehen historisch und gegenwärtig nicht zu Schaden gereicht, sondern wichtige Impulse gegeben.

Der Philosoph, Politologe und Leibniz-Preisträger Professor Doktor Dag Nikolaus Hasse, der an der Universität Würzburg forscht und lehrt, betont in einem Interview: „Wie soll man auf die Behauptung, dass der arabische Einfluss in Europa unbedeutend gewesen sei, antworten? […] Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Antwort nur von der Wissenschaft gegeben werden kann. Denn die Antwort ist nicht beliebig und auch nicht abhängig von politischer Einstellung, sie hängt von den Ergebnissen historischer Forschung ab.“ An die Beantwortung eben dieser wissenschaftlichen Frage knüpft die Forschungsarbeit Hasses und er kommt zu dem Schluss: „Man darf den arabischen Einfluss in Europa nicht übertreiben und nicht kleinreden. Ohne den arabischen Einfluss wäre Europa heutzutage nicht das, was es ist.“ Einen spannenden Einblick in die Forschungsarbeit Hasses erhält man in folgendem Deutschlandfunk Beitrag:

http://www.deutschlandfunk.de/seehofer-aeusserungen-mittelalterhistoriker-islam-hat.1939.de.html?drn%3Anews_id=861920

Der Soziologe Armin Nassehi geht im Interview mit dem 3Sat neben der Islam-Debatte auch auf den Heimatbegriff ein. Dabei plädiert er für Thesen mit echtem Informationsgehalt und in Bezug auf den Islam für Debatten, die sich um die Frage drehen, welche Form des Islam es ist, der zu Deutschland gehört und gehören kann:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=72357

Michael Borgolte, Historiker mit Forschungsschwerpunkt Mittelalter, verweist in einem Interview aus dem Jahr 2015 darauf, dass ein von Reinheitsdenken geprägter Kulturbegriff nicht haltbar ist: „Kultur ist ein ständiger Änderungsprozess, Stillstand gibt es nicht, Sesshaftigkeit ist weltgeschichtlich betrachtet ein Ausnahmephänomen.“

http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/michael-borgolte-muslimisches-zuckerfest-als-gesetzlicher-feiertag-aid-1.5655556

In Bezug auf die aktuelle Debatte betont der Historiker erneut den grundlegenden Beitrag des Islam zu „unserer“ gegenwärtigen Kultur.